SPD Neckarau, Almenhof & Niederfeld

Ansprache von Stadtrat Ralf Eisenhauer beim entmilitarisierten Volkstrauertag

Veröffentlicht am 13.11.2011 in Reden/Artikel

Was wäre eigentlich wenn?
"Was wäre, wenn heute einfach niemand eingeladen hätte, wenn einfach niemand an die Gedenkfeier am heutigen Morgen erinnert hätte. Was wäre, wenn es eben nicht in unseren Kalendern stünde? Würden denn noch viele an einen Volkstrauertag denken? Würden sie überhaupt etwas vermissen, wenn heute eben nichts - nichts anderes als ein ganz normaler Sonntag wäre?

Für die allermeisten ist es doch schon lange ein ganz normaler Tag. Und es stößt höchstens noch sauer auf, wenn das Ordnungsamt etwa daran erinnert, dass bestimmte Veranstaltungen heute keinen Platz haben, dem Charakter des Tages nicht entsprechen. Wie viele interessiert dieser Charakter überhaupt noch?

Sie werden eben von Jahr zu Jahr weniger, die Menschen, die einen der beiden Kriege, die unser Land im letzten Jahrhundert durch litten hat, erlebt, die Kameraden und Freunde oder direkte Angehörige verloren haben. Sie werden immer weniger, die Menschen, die Mannheim brennen gesehen und die Trümmerberge weggeräumt haben.
Aber selbst wenn es niemand mehr wäre, selbst wenn noch mehr Menschen immer lauter davon sprechen, dass man doch endlich einmal einen Schlussstrich ziehen und die Vergangenheit ruhen lassen müsste, selbst dann - gerade dann - wäre der heutige Tag wichtig.

Und er wird immer wichtiger. Vergessen macht sich nämlich breit. Diejenigen, die authentisch berichten können, werden weniger, die Politikergeneration tritt ab, die die Kriegs- und Nachkriegszeit bewusst erlebt hat und deren Handeln davon geprägt war, wirkliche Not am eigenen Leib kennengelernt zu haben.

Die Generation zu der ich gehöre kann sich all dies nur anlesen, vorzustellen versuchen, erfahren habe ich es nicht. Und so macht sich die Gefahr des Vergessens ganz schnell breit.

Ich erschrecke, wenn ich, auch bei mir selbst, feststelle, wie schnell wir wieder bereit sind, Probleme durch Militäreinsätze lösen zu wollen. Wie schnell ein Krieg schon wieder zur ganz normalen Politik mit anderen Mitteln geworden ist. Die Zeit, in der gerade wir in Deutschland davor zurückschreckten, an militärische Einsätze auch nur zu denken, scheint schon lange vorbei zu sein.

Um diesem schleichenden Prozess des Vergessens entgegen zu wirken, bedarf es Menschen, die uns Jahr für Jahr am Volkstrauertag vor Augen führen, dass Krieg und Gewalt auch heute ihre Opfer fordern und welche Verantwortung auch wir tragen. Deshalb möchte ich mich ausdrücklich bedanken bei den Initiatoren dieser Gedenkveranstaltung und bei allen, die mit ihrem Engagement zum Gelingen beitragen.

"Im Frieden tragen die Söhne die Väter zu Grabe, im Krieg die Väter die Söhne." Mit diesem Bild von Herodot, dem Griechen, der als Begründer der Geschichtsschreibung gilt, mit diesem Bild, das den Schrecken des Krieges eindringlich einfängt, möchte ich heute im Namen des Oberbürgermeisters und des Gemeinderates der Stadt Mannheim mit ihnen der Toten gedenken.

Und im Besonderen geht es heute eben nicht nur um Kinder als Opfer von Krieg und Gewalt im klassischen Sinne. Es geht heute insbesondere um Kinder als Opfer, indem sie zu Tätern gemacht werden. Sie werden gezwungen zu töten und zu plündern, sie müssen an die Front, werden durch Minenfelder getrieben oder zur Spionage eingesetzt. 250.000 Kinder und Jugendliche werden weltweit als Soldaten missbraucht. Sie haben oft weder eine Ausbildung bekommen, noch eine Schule besucht. Statt sozialen Verhaltens kennen sie nur Befehl, Gehorsam und militärischen Drill. Menschenrechte sind für sie ein Fremdwort.

Der Volkstrauertag ist ein Tag, an dem wir aller Opfer aller Kriege gedenken und an dem wir uns immer wieder wachrütteln wollen gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit. Es ist ein Tag, der uns ermahnen möchte, damit alte Fehler nicht noch einmal gemacht werden.

Ich bedanke mich für daher im Namen der Stadt Mannheim bei allen, die hierfür ihren Beitrag leisten, insbesondere beim Arbeitskreis Volkstrauertag und beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Ich bedanke mich bei ihnen allen für ihr Kommen und für ihre Aufmerksamkeit."

Rede am 13.11.2011 in der Trauerhalle des Hauptfriedhofs Mannheim

 

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